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Schwierige Voraussetzungen
Geschichte des Filmtitels
Keine falsche Ursachenforschung
Schülerinnen und Schüler als Schauspieler
Die Macher des Films

Entschiedenes Interesse für junge Leute ist immer schon ein Kennzeichen von Gus Van Sants Arbeiten im Lauf seiner bemerkenswerten Karriere gewesen. In so verschiedenen Filmen wie MY OWN PRIVATE IDAHO, TO DIE FOR und GOOD WILL HUNTING hat Van Sant junge Leute kurz vor dem Erwachsenwerden, deren Identitäten noch im Fluss sind, dargestellt. Mit ELEPHANT nun stellt sich Van Sant der Herausforderung, die aktuelle Realität einer High School darzustellen, eine Realität, die in den letzten Jahren durch Schiessereien und Gewaltausbrüche an solchen Schulen verändert wurde. Ein Thema, das nicht erst nach Erfurt nur an amerikanischen Schulen aktuell ist, wo es zwischen 1997 und 1999 allein achtmal dazu kam, dass Schüler mit tödlichen Folgen ausrasteten. Van Sant begann darüber nachzudenken, wie er einen Film zu dem Thema machen könnte, „einfach um die Sache mal genauer anzuschauen“, wie er sagt: „Es gab so viele Schiessereien an amerikanischen Schulen wie noch nie. Ich wollte einen Film machen, der einzufangen versuchte, was für eine Stimmung unter den Schülern herrschte, die damals zur Schule gingen.“
Schwierige Voraussetzungen

Van Sant diskutierte seine Ideen mit der Schauspielerin und Filmemacherin Diane Keaton und dem Drehbuchautor und Produzenten Bill Robinson, denen die Produktionsfirma Blue Relief gehört. Robinson meint dazu: „Diane und ich kennen Gus seit einigen Jahren, und wir haben immer schon mal etwas mit ihm machen wollen. Wir waren natürlich begeistert von seinem Werk, vor allem von so provokanten Filmen wie DRUGSTORE COWBOYS und MY OWN PRIVATE IDAHO. Wir fanden, wenn er eine künstlerische Vorstellung hat und einen Film machen will über Teenager und Gewalt an Schulen, dann möchten wir ihn dabei unterstützen.

Wir wussten, dass das etwas Starkes und Wirkungsvolles werden könnte, wenn ein furchtloser Regisseur wie Gus so etwas erzählte. Und wir fanden auch, HBO wäre die perfekte Heimat für Gus, wo er ganz frei seine Vision verwirklichen könnte.“ Keaton ergänzt: „Gus versteht junge Leute intuitiv. Er ist der perfekte Künstler, um einen Film über dieses Thema zu machen. Ich weiss noch, dass ich Bill eines Tages gesagt hatte, jemand sollte das Thema Gewalt an Schulen mal aus einem anderen Blickwinkel betrachten.“

ELEPHANT nimmt uns mit in die Welt einer Vorstadt-High-School, schickt uns durch die Korridore in den Schulhof und die Klassenzimmer, die Bibliothek und die Cafeteria, das Verwaltungsbüro, die Umkleideräume. Wir folgen im Lauf des Tages verschiedenen Schülern und erleben zuweilen dieselben Momente und Begegnungen aus den Blickwinkeln verschiedener Figuren. Dazu gehören: John (John Robinson); Eli (Elias McConnell), der Fotograf; der Footballspieler Nate (Nathan Tyson) und seine Freundin Carrie (Carrie Finklea); Michelle (Kristen Hicks); die alten Freundinnen Brittany, Jordan und Nicole (Brittany Mountain, Jordan Taylor, Nicole George). Und dann sind da zwei Jungen, die für diesen Schultag andere Pläne haben, Alex (Alex Frost) und Eric (Eric Deulen). Sie alle gehören mit zur High-School-Landschaft, die ELEPHANT zeigt.
Geschichte des Filmtitels

Ein Werk war für Van Sant von besonderer Wichtigkeit bei seinem Film über ein so brisantes Thema wie Gewalt an Schulen: der aus dem Jahr 1989 stammende, für die BBC gedrehte, ebenfalls ELEPHANT betitelte Film des mittlerweile verstorbenen britischen Filmemachers Alan Clarke. Clarkes ELEPHANT reduziert das Erzählerische, bis die sektiererische Gewalt in Nordirland als ein gnadenloser, anonymer Marsch von Morden erscheint. Bei Clarke bezog sich der Titel auf den bissigen Spruch, dass manche Probleme sich so leicht übersehen lassen wie ein Elefant im Wohnzimmer. Van Sant beschloss seinen Film nach Clarkes Werk zu benennen und bemerkte dazu: „Dieser Film dreht sich um das Leben von Jugendlichen, die in einer anderen, aber ebenfalls sehr gewalttätigen Epoche leben.“

Ursprünglich hatte Van Sant geglaubt, Clarkes Titel beziehe sich auf die alte Parabel von den Blinden und dem Elefanten. In einer Version, die in buddhistischen Schriften aus dem Jahr 2 v. Chr. vorkommt, untersuchen einige Blinde verschiedene Teile eines Elefanten: Ohr, Bein, Schwanz, Stosszähne, Rüssel, usw. Jeder dieser Blinden ist überzeugt, aufgrund des Teils, den er betastet hat, das wahre Wesen des Elefanten begriffen zu haben: Dass ein Elefant also wie ein Fächer sei, ein Baum, ein Seil, ein Speer, eine Schlange. Doch keiner sieht das Ganze. Van Sant erschien diese Parabel passend zum Thema Schulschiessereien. „Ich hatte gemeint, Alan Clarke habe seinen Film ELEPHANT genannt, weil er von einem Problem handelte, das schwer festzunageln war wegen der verschiedenen möglichen Blickwinkel“, sagt er: „Ich blieb lang in diesem Glauben, bis ich etwas las, wo Clarke sagte, es gehe um den Spruch vom Elefanten im Wohnzimmer. Als wir unseren Film drehten, ging es aber eher um die Blinden.“

ELEPHANT hat nicht den Anspruch, das Rätsel der Gewalt an Schulen zu lösen. „Wir wollten nichts erklären“, bestätigt Van Sant: „Sobald Sie eine Erklärung liefern, werden fünf andere Möglichkeiten dadurch negiert, dass Sie die eine gewählt haben. Ausserdem stellte sich auch die Frage, was es bringen soll, nach einer Erklärung für etwas zu suchen, für das es nicht unbedingt eine Erklärung gibt.“
Keine falsche Ursachenforschung

Der Produzent Dany Wolf meint dazu: „ELEPHANT zeigt ein Ereignis aus verschiedenen Perspektiven, aber nicht wie in RASHOMON, wo Ursache und Wirkung sichtbar werden. Wir zeigen nicht Ursache und Wirkung. Das birgt ein Risiko, weil die Leute bei einem solchen Thema klipp und klar gezeigt bekommen wollen, was die Ursache ist und was die schrecklichen Folgen sind.“

ELEPHANT wurde in Portland, Oregon, gedreht, wo Van Sant wohnt. Als der Zeitpunkt für die Präproduktion kam, hatte Van Sant unterdessen den von der Kritik gelobten Film GERRY gedreht mit einem minimalen Drehbuch, in enger Zusammenarbeit mit den Schauspielern Matt Damon und Casey Affleck und einem kleinen Team, zu dem der Produzent Wolf, Kameramann Harris Savides und der Sound-Designer Leslie Shatz gehörten. Dazu sagt Wolf: „Bei GERRY war alles so gut gelaufen, dass Gus beschloss, wieder so zu arbeiten: auf Grund eines lockeren Drehbuchs zu improvisieren.“ Als Erstes stellte sich die Frage der Besetzung, und man beschloss, für die Schüler-Hauptrollen und als Statisten echte High-School-Schüler zu suchen. Auf einen Aufruf hin, in Portland vorzusprechen, meldeten sich rund 3000 Teenager. Wolf erinnert sich: „Der lokale Besetzungsleiter Danny Stoltz machte das grossartig mit Flugblättern und Radiowerbung, und weil es um Gus ging, haben die Lokalfernsehsender die Sache aufgegriffen, wodurch das ein Riesending wurde. Es war phänomenal. Gus spazierte herum, lernte Kids kennen und redete mit ihnen.“
Schülerinnen und Schüler als Schauspieler

Die Zahl der Bewerber wurde darauf auf kleinere Gruppen reduziert. Die preisgekrönte Besetzungsleiterin Mali Finn traf sich mit den Schülerinnen und Schülern und redete mit ihnen über ihr Leben. Das Thema Schulschiessereien wurde sehr direkt angegangen, berichtet Van Sant. „Mali ist grossartig darin, Menschen dahin zu bringen, dass sie von ihrem Leben erzählen. Wir stellten Fragen wie: ,Fühlst du dich in der Schule sicher? Kommt das vor? Was passiert in deinem Leben?‘“, erinnert er sich: „Diesen Kids sind die Schulschiessereien mehr als bewusst, einfach deswegen, weil sie selbst in die Schule gehen. Und deshalb gibt es da Ängste und haben die dazu auch Meinungen. Und klug sind die. Manche haben es sehr schwer auf der Schule, empfinden sie als Hölle. Zum Teil haben sie wirklich das Wort ,Hölle‘ verwendet. Andere finden die Schule toll. Ich glaube, als ich auf die High School ging, ging es den Leuten ähnlich unterschiedlich.“

Die Schüler wurden dazu angehalten, ihre Rollen aus dem eigenen Leben zu entwickeln, ihre eigenen Geschichten und Erlebnisse einzubauen. Es gab keine festgeschriebenen Dialoge, im Wesentlichen improvisierten die Schüler ihre Texte, wobei Van Sant sie zuweilen an eine Geschichte oder sonst etwas, das sie gesagt hatten, erinnerte. „Die Leute waren am Prozess, ihre Figuren zu erschaffen, mitbeteiligt. Die meisten Kids spielen im weitesten Sinne ähnliche Rollen wie im Leben“, sagt er. Ausnahmen von dieser Regel sind Alex Frost und Eric Deulen, die als die beiden Jungen besetzt wurden, die dem Tag ein jähes Ende machen. Im ganzen Film gibt es nur drei Berufsschauspieler, alles erwachsene: Timothy Bottoms als Vater des einen Schülers, Matt Malloy als Rektor Mr. Luce, Ellis E. Williams als Chef der Gay Straight Alliance, einer Anti- Homophobie-Organisation.

Van Sants Entscheidung, die in GERRY erprobten Improvisationstechniken weiterzuentwickeln, findet den Beifall von Diane Keaton, die für ihre Rolle in ANNIE HALL mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. „Ich finde, das ist eine faszinierende Richtung. Es ist erstaunlich, was dabei herauskommen kann, wenn die Leute von jemandem geführt werden, der so begabt ist, so viel Handwerk hat und so viel weiss wie Gus“, sagt sie: „Ausserdem hat Gus ein unglaubliches Gespür für Talente. Die Kids vertrauten ihm und machten es einfach, und zwar völlig unverkrampft.“

Die ELEPHANT-Macher waren entschlossen, den Film in einer echten High School zu drehen. Es gelang dem Produzenten Wolf, von der Schulbehörde die Erlaubnis zu bekommen, eine vor kurzem aufgegebene High School im Norden von Portland zu benutzen. Die Möbel und Einrichtungen waren im Wesentlichen noch intakt. „Nach ziemlich kurzer Zeit sah sie wieder wie eine gewöhnliche Schule aus. Wir wollten, dass sie so echt aussah wie nur möglich“, erklärt Wolf. ELPHANT wurde im November 2002 im Lauf von 20 Tagen gedreht. Der Film ist die dritte Zusammenarbeit von Van Sant und dem angesehenen Kameramann Harris Savides, der Van Sants FINDING FORRESTER gedreht hatte und GERRY, der Savides eine Nomination für den Independent Spirit Award einbrachte. ELEPHANT wurde in 35 mm gedreht und fällt durch die Schönheit der Bilder und Details auf: die Ausblicke auf Land und Himmel, die Fahraufnahmen, mit welchen die Kamera ruhig den Schülern folgt, die geduldige Beobachtung menschlicher Gesichter. Er ist aber auch die sehr direkte und authentische Darstellung eines bestimmten Umfelds und der Menschen darin.
Die Macher des Films

Für die visuelle Umsetzung liessen sich Van Sant und Savides anregen durch Dokumentarfilme von Frederick Wiseman (DOMESTIC VIOLENCE, THE STORE, HIGH SCHOOL) und Fotografien von William Eggleston. Van Sant sagt dazu: „Wiseman filmt immer an Orten, wo es ziemlich schwierig ist, ob in einem Kaufhaus oder einer High School. Er versucht die Situation, die Leute, den Ort wirklich zu porträtieren. Das Gleiche gilt für Eggleston: Der macht Aufnahmen von bestimmten Orten, aber es geht auch um Charaktere und Menschen. Bei Wiseman wie Eggleston weiss man nie so recht, wo sie sind, aber wo immer das sein mag, es sieht verrückt aus. Deshalb dachten auch wir an Dinge, die gut aussehen, aber nicht überkandidelt, zu kopflastig oder zu ausgetüftelt sind. Wir haben oft das Licht, das durch die Fenster kam, benutzt oder was sonst eben an Licht da war und versucht, das Schöne daran zu sehen.“

Sie entschieden sich auch für das Bildformat 1,33 : 1 statt für das breitere 1,85 : 1, das in den meisten zeitgenössischen Filmen verwendet wird. Ersteres war bis Mitte der Fünfzigerjahre das Normalformat gewesen, und Van Sant hatte es in seinen frühen 16mm-Filmen verwendet. Er hatte grosse Lust, es wieder zu verwenden. „Ich mag diese Proportionen gern. Ausserdem würden wir Motive filmen, die in 1,33 : 1 gut aussehen würden, z. B. Korridore“, erklärt er. Hinzu kam, dass in amerikanischen Schulen jahrzehntelang Filme im Format 1,33 : 1 gezeigt worden waren, bis Video die Norm wurde.

Das Sound-Design von Leslie Shatz entspricht der Subtilität und Zurückhaltung des Films. Musik wird sparsam eingesetzt. Ein paar Passagen sind mit Beethovens „Für Elise“ und Ausschnitten aus den Klaviersonaten 14 und 2 unterlegt. Wie so vieles in ELEPHANT kam auch dieses Element von einem der Schüler, in diesem Falle von Alex Frost. Van Sant erinnert sich: „Alex fand ein Klavier und begann zu spielen. Wir wollten am nächsten Tag die Szene in seinem Schlafzimmer drehen, und so sagte ich: ,Da sollte wohl ein Klavier drin stehen.‘ Das taten wir, und nachdem wir die eine Szene gedreht hatten, in der Alex spielt, bot es sich an, die Musik an anderen Stellen des Films zu verwenden.“

Ein Grossteil des Sound-Designs besteht aus „konkreter Musik“, einer Form von elektronischer Musik, die Ende der Vierzigerjahre entwickelt wurde und eben „konkretes“ Klangmaterial (wie Strassengeräusche, Wassertropfen usw.) verwendete. Wolf meint dazu: „Das ist kein traditionelles Sound-Design, wo alles ständig mit Geräuschen oder Musik austapeziert ist. Wie im Film selbst geht es auch hier darum, ohne Tricks und Kniffe auszukommen: Den Leuten nicht mit Musik oder Geräuschen mitzuteilen, was sie zu empfinden oder zu denken haben.“

Wolf weist darauf hin, dass Van Sant auch beim Schneiden des Films so unspektakulär wie möglich vorging: „Gus arbeitet nicht viel mit schnellen Schnitten. Er setzt nicht auf Technik, um dem Publikum zu zeigen, wo es hinschauen und was es empfinden soll. Gus hat genug Vertrauen zu einer Einstellung, dass er nicht gleich mit einem Schnitt fortspringen, Stille mit einem Geräusch ausfüllen muss. Dadurch hat der Film sehr realistische Aspekte, aber manchmal ist er auch sehr ätherisch, wie aus einer anderen Welt. Ich glaube, durch diese Kombination hat der Film auf Sie als Zuschauer einen organischere Wirkung.“

Kaum jemand dürfte aus ELEPHANT unberührt herauskommen. Diane Keaton sagt dazu: „Er bringt mich wirklich zum Nachdenken über meine Verantwortung als Erwachsene, zu verstehen zu versuchen, was bei jungen Menschen geschieht. Auffallend ist die Reinheit dieses Werks. Gus hat einfach nur darzustellen versucht, wie junge Menschen seiner Meinung nach die Schule erleben. Jetzt erleben Sie, wie es für sie ist.“




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